Sonntag, 6. Mai 2012

Die Kolumne, die niemals geschrieben wurde

Als Die Scrapperin noch ein wichtiger Teil meines Lebens war, wollte ich für die 5. (und letzte) Ausgabe eine Kolumne schreiben, die mir sehr am Herzen lag. Ich wollte darüber schreiben wie Scrapbooking mein Leben beeinflusst und meine Sicht der Dinge verändert hat. Zum damaligen Zeitpunkt konnte ich das noch nicht. Es tat einfach noch zu sehr weh. Der Schmerz ist immer noch da und an manchen  Tagen heftiger denn je. Aber inzwischen kann ich wenigstens reden bzw. schreiben.
Scrapbooking war für mich nie einfach nur ein Hobby, so wie Kerzen gießen oder T-Shirts bemalen. Aber bis zu einem bestimmten Zeitpunkt war es "nur" ein kreativer Ausgleich vom Alltag, eine schöne Variante des Kombinierens verschiedener Materialien und Techniken. Angefangen habe ich im Jänner 2008 - ein simpler Grund war auch bei mir ausschlaggend. Meine beste Freundin wurde 30 und ich wollte ihr etwas Besonderes schenken, nicht den üblichen Geschenkkorb mit Faltencreme (den hat sie eh von anderen bekommen). So bin ich auf Scrapbooking gestoßen und habe binnen kürzester Zeit ein fettes 12x12 Album mit einem Haufen Layouts für sie gemacht. Ich habe mir zum Ziel gesetzt jedes anders zu gestalten und ich habe unfassbar viele Techniken ausprobiert. Ich fand es schön, bunt und sehr innovativ. Meiner Freundin hat es auch gefallen. Mission accomplished.
Von da an habe ich gescrappt was das Zeug hielt, jeden Tag. Und wenn ich mal einen Tag nicht dazu gekommen war, hat definitiv etwas gefehlt. Es war schön - aber es hatte auch keine allzu große Bedeutung, außer dass mein Fotoalbum bunter war als andere. Journaling war zu dem Zeitpunkt irgendwie lästig und diente maximal dazu die Fotos näher zu beschreiben, damit man wusste wo, wann, was.
Anfang 2009 sollte sich alles ändern - nur war das zu diesem Zeitpunkt noch niemand klar, wie sehr sich unser Leben auf den Kopf stellen würde. Mein Vater musste ins Krankenhaus und wurde operiert. "Nix schlimmes", ein Knötchen hier und vielleicht noch eins da. Nachdem in unserer Familie nie besonders viel geredet wurde und man generell der Meinung war, dass man allzu aufwühlende Dinge von mir fernhalten musste, dachte ich damals wirklich noch, dass mein Papa sich mal schnell unters Messer legt und dann ist er wieder ganz der alte. Und so wars auch. Ich habe ihn nach der OP besucht und er hat gescherzt als wär nix gewesen. Er konnte in jeder Situation Blödsinn reden und er war stets optimistisch. Eine Eigenschaft, die ich wahnsinnig an ihm geliebt habe.
Als ich ihn nach der OP abgeholt und nach Hause gebracht habe, war sein erster Weg nicht ins Bett oder aufs Sofa - nein er hat die Schneefräse angeworfen, weil keiner den Schnee weggetan hatte. Und da konnte ihm niemand etwas dreinreden. Das war so typisch für ihn. Er war ein Sturkopf.


Auf diese erste OP folgte eine zweite. OK, man hat noch etwas übersehen - eine Kleinigkeit. Das ist nicht schlimm. Doch ich sah meinem Vater an, dass ihm nicht mehr so nach scherzen war wie ein paar Wochen zuvor. Ich habe mir damals gewünscht an seiner Stelle zu sein. Ich wollte da in dem Bett liegen, denn nichts ist schlimmer als einen geliebten Menschen leiden zu sehen und nichts tun zu können. Verzweiflung und Hilflosigkeit machte sich breit und es wurde noch schlimmer, als mein Vater meinte, dass er da allein durch will. Er wollte mich glaube ich schonen, weil er sah wie sehr ich mit ihm litt. Deswegen wollte er nicht, dass ich ihn besuchen komme. Ich konnte das überhaupt nicht verstehen und noch schlimmer: ich war sprachlos. Ich wollte ihm so viel sagen, aber ich wusste nicht wie. 
Also setzte ich mich hin und machte dieses Layout:


Ich habe es ihm in einem Rahmen ins Krankenhaus gebracht und obwohl er nichts sagte, wusste ich, dass er mich versteht. Mein Vater war ein wundervoller Mann, der wie wir alle auch seine Fehler hatte, aber er hat mich geliebt und mich das immer spüren lassen. Als ich klein war, hat er mich im Wagerl durch die Gegend geschoben, was für damalige Männer absolut unüblich war. Er hat mir das Schifahren beigebracht und mich zum Autowaschen mitgenommen. Wir waren viel in der Natur unterwegs und er hat mir letztendlich all meine handwerklichen Fähigkeiten beigebracht und auch, dass man Dinge erst mal versuchen muss, bevor man sagt "Es geht net". 
Durch Scrapbooking konnte ich nicht nur meinem Vater sagen, wie sehr ich ihn liebe, ich habe auch die Möglichkeit all die Erinnerungen, die nun langsam verblassen, festzuhalten. Immer wieder wenn ich Fotos mache, denke ich, dass ich ja eh noch weiß, was da passiert ist oder warum ich dieses und jenes Foto gemacht habe - aber Fakt ist: Man vergisst wesentlich schneller als man denkt. Journaling ist mir heute wichtiger denn je. Meine Familie soll wissen was ich für sie empfinde - und wenn ich mir auch immer noch schwer tue, es direkt zu sagen, so können sie es nachlesen.
Scrapbooking ist nicht nur Papier, Fotos und Worte. Es ist mein Leben. In einem Album.

XOXO Sandy

Kommentare:

  1. Oh Sandy, mir fehlen die Worte- in deinen Zeilen lese ich auch so viel über mich, Es liegt glaube ich in der Natur, dass steirische Männer nicht über ihre eigenen Gefühle sprechen können, geschweige es dann vorzuleben.--ach ich vermisse meinen Vater auch---LG Gerli

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  2. Ach Sandy, ich sitze hier und mir rinnen die Tränen. Ich vermisse meinen Vater auch sehr. Meiner hat nie viele Worte gemacht, aber immer Taten gesetzt. Ein sehr berührender Bericht und ein tolles LO.

    LG
    Susanne

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  3. Total schön geschrieben!
    lg, Heidemarie

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  4. *schnief...
    das ist so schön und wahr geschrieben...
    Wir alle sollten unser Leben für die "Nachwelt" so einprägsam und liebevoll festhalten
    Danke für deine schöne Geschichte
    herzlichst hellerlittle

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  5. *seufz* ... sehr schön geschrieben, auch wenn es einen sehr traurigen Hintergrund hat. ... und vielleicht animiert mich deine Geschichte dazu, mehr Wert auf's Journaling zu legen - Danke!!

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  6. *tränen in den augen hab*

    Tröstende Worte gibt es da glaub ich kaum welche... Man kann aber da sein und zuhören, reden, in die Zukunft schauen und sich an all die guten Dinge erinnern.

    *drück*

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